Geschrieben von: unbekannt    Sonntag, 16. April 2000 um 10:47 Uhr    PDF Drucken E-Mail
Schmerzmittel - legal aber gefährlich

pinocchio(Quelle: www.cycling4fans.de/index.php?id=4277 )

Schmerzmittel - legal aber gefährlich

Schmerzmittel gehören in vielen Sportarten zum Alltag. Nicht allein im Hochleistungssport sondern auch aus dem Breitensport sind sie nicht mehr wegzudenken. Auch Jugendliche greifen bereits wie selbstverständlich zu den rezeptfreien Medikamenten.

Ist das bereits Doping? Auf der Liste der verbotenen MIttel stehen sie nicht, doch sie erfüllen eigentlich die klassische Dopingdefinition: Ohne sie wären viel Leistungen nicht zu erreichen, Trainingsumfänge und Leistungen wären nicht machbar und damit auch entsprechende Wettkampfergebnisse.

Die längerfristige Einnahme birgt zudem schwere Gesundheitsgefahren.

 

Hans Geyer, Geschäftsführer des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, prangert in einem Interview mit RP online den Missbrauch an:

 

Viele Sportler nehmen Schmerzmittel.

Geyer: Für uns gibt es Grauzonen zum Doping. Dazu gehört der Gebrauch von Schmerzmitteln. Nach unserer Auffassung sind das klassische Dopingmittel, denn ohne ihren Gebrauch könnten viele Athleten ihre Leistungen weder im Training noch im Wettkampf bringen. Sie müssten regenerieren. Wir haben Sportarten, in denen 100 Prozent der Athleten Schmerzmittel nehmen. Es gibt wahrscheinlich nicht einen Gewichtheber der Spitzenklasse, der einen Wettkampf ohne Schmerzmittel durchführt.

Welche Sportarten sind ansonsten vom vermehrten Schmerzmittelgebrauch betroffen?

Geyer: Wir beobachten das seit längerer Zeit verstärkt im Fußball, im Radsport und in der Leichtathletik. Bei der Handball-WM haben wir das auch festgestellt. Stefan Kretzschmar sagt, ohne diese Mittel könnten die Handballer der Belastung gar nicht standhalten.

Ist das Doping?

Geyer: Das ist Doping! Schmerzmittel gehören auf die Liste. Die Athleten verbessern ihre Leistungsfähigkeit und schädigen sich, möglicherweise sogar irreversibel, weil sie den Schutzmechanismus des Körpers unterdrücken

(...)

Warum stehen Schmerzmittel nicht auf der Dopingliste?

Geyer: Es gibt viele Substanzen, die leistungsfördernd sind und nicht auf der Liste stehen, zum Beispiel Nikotin, das in Risikosportarten die Angst unterdrückt. Möglicherweise gibt es Widerstände von verschiedenen Gruppen, von der Industrie selbst, und möglicherweise gibt es den Einwand, dass Schmerzmittel von der Bevölkerung allgemein zu häufig genommen werden. Man bekäme Probleme mit zu vielen positiven Fällen oder mit einer Fülle von Ausnahmegenehmigungen. Ich erinnere mich noch gut an einen Bericht über den Deutschen Bronzemedaillengewinner bei der WM 2004 im 50-km-Gehen, der während des Wettkampfs am Straßenrand mehrmals Schmerzmittel gereicht bekam, um den Wettkampf überhaupt beenden zu können. Wie pervers sind wir eigentlich geworden? Es ist auch kein Geheimnis, dass in vielen Sportarten schon im Jugendbereich regelmäßig Schmerzmittel wie Aspirin und Voltaren verwendet werden.

Wie verbreitet sind solche Mittel bei Veranstaltungen, die Freizeitsportler Höchstleistungen abverlangen, etwa bei Transalp, dem Mountainbike-Rennen über die Alpen?

Geyer: Die Organisatoren von Transalp sind mit der Bitte an uns herangetreten, präventive Programme aufzulegen, um den enormen Medikamenten-Missbrauch dort einzuschränken. Bei Transalp nehmen viele vergleichsweise untrainierte Menschen teil, die kaum Zeit hatten, sich anständig vorzubereiten. Die Organisatoren vermuten - wahrscheinlich wissen sie es -, dass dort sehr viele Schmerzmittel und viele leistungsfördernde Mittel wie Epo genommen werden. Auch Testosteron wird genommen, um die Aggressivität zu erhöhen und die Regeneration zu beschleunigen. Wo nicht kontrolliert wird, wird alles Mögliche genommen ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist ein Spiel mit hohem Risiko - und Medikamenten-Missbrauch vom Schlimmsten.

Gilt das auch für Marathonläufe?

Geyer: Es gibt Gerüchte. Wir schlagen den Organisatoren vor, mal Dopingkontrollen durchführen zu lassen. Manche Läufer müssten dann befürchten, bei ihrem Betrug erwischt zu werden. Die Substanzen wirken ja vor allem bei solchen Menschen, die verhältnismäßig untrainiert sind.

"Ich kenne Marathonläufer, die während ihrer monatelangen Vorbereitung regelmäßig Schmerzmittel nehmen und direkt oder während des Wettkampfes noch einmal", sagt ein Fitness-Coach aus der Nähe von Wuppertal, der anonym bleiben möchte. "Sie wollen den Schmerz loswerden und hoffen, dass sie durch die Blut verdünnende Wirkung der Medikamente besser ins Ziel kommen." Auch bei Golfspielern hat der Fitness-Coach beobachtet, dass viele lieber "ein paar Pillen einschmeißen", als mit Krafttraining etwas gegen die Rückenschmerzen zu tun. "Für den Körper ist das ganz schlecht."

(...)

Zusammen mit Toni Graf-Baum, dem Vorsitzenden der FIFA-Dopingkommission, wird Geyer in Kürze eine Studie zum Thema Schmerzmittel im Leistungssport beginnen. Graf-Baumann hat vor rund einem Jahr bei einem Blick in die Dopingkontrollbögen von Profifußballern festgestellt, dass fast alle Spieler regelmäßig verschreibungspflichtige Schmerzmittel nehmen - im Training und im Wettkampf. Er schaute daraufhin in die Bögen verschiedener Sportarten und stellte auch dort über Jahre hinweg regelmäßige Schmerzmitteleinnahmen fest.

(...)

Für Carsten Boos ist der selbstverständliche Medikamentengebrauch im Sport und das Verkennen der Nebenwirkungen ein "rein soziologisches" Problem. Deshalb warnt er vor einer Doppelmoral: "Wir sind eine Drogengesellschaft, die für jedes noch so kleine Problem eine medikamentöse Lösung sucht." Jede Schicht habe ihre eigene Droge, sei es Nikotin, Alkohol oder Koffein. Dass die Sportler Schmerzmittel nehmen, sei da ganz selbstverständlich. "Wir müssen endlich offen darüber diskutieren, wie unsere Gesellschaft zu Medikamenten steht" fordert Boos.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) versucht seit einigen Jahren auf das Thema Medikamentenabhängigkeit aufmerksam zu machen. "Aber wir kommen damit nicht richtig durch, denn das Problem wird unterschätzt", sagt DHS-Sprecherin Christa Merfert-Diete. Laut DHS sind in Deutschland zwischen 1,4 Millionen und 1,9 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten, darunter wohl auch einige Sportler, die das nicht einmal ahnen.

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Mediziner Toni Graf-Baumann, Vorsitzender der Fifa-Anti-Doping-Kommission, im Interview:

 

(...) ANTWORT: Es ist erschreckend, wie unkritisch im Fußball mit Schmerzmitteln umgegangen wird. Voltaren, Ibuprofen oder auch Aspirin werden mit einer Selbstverständlichkeit geschluckt, als würde man einen Kaffee trinken - früh, mittags und abends.

 

FRAGE: Können Sie Zahlen nennen?

 

ANTWORT: Bei der WM 2002 nahm beispielsweise jeder zehnte Spieler Schmerzmittel vor jedem Match, 20 Prozent bei zwei von drei WM-Spielen und die Hälfte mindestens einmal während des Turniers.

 

FRAGE: Sind die Ergebnisse auf den normalen Ligaalltag übertragbar?

 

ANTWORT: Es gibt dazu kein statistisch ausgewertetes Zahlenmaterial. Aber Sie können davon ausgehen, dass auch hier ohne eine ordentlich geführte Diagnostik und eine medizinische Indikation Schmerzmittel regelmäßig eingenommen werden. Teilweise sogar prophylaktisch, um angesichts der Überbelastung Muskelschmerzen vorzubeugen. Dabei sind die Folgen gravierend, wie der Fall Klasnic zeigt.

 

FRAGE: Haben Sie mit Mannschaftsärzten über das Schmerzmittelproblem gesprochen?

 

ANTWORT: Ja, aber es ist ein schwieriges Thema. Die Ärzte reagieren verunsichert, wenn man sie darauf anspricht. Sie wissen, wie die Realität aussieht, aber sie wissen nicht, was sie dagegen tun sollen. Häufig besorgen sich die Spieler die Medikamente ja selber.

 

FRAGE: Der Mannschaftsarzt steckt in einer Zwickmühle: Er wird vom Verein dafür bezahlt, die Spieler möglichst schnell fit zu bekommen.

 

ANTWORT: Im Falle einer Verletzung ist eine Begleitbehandlung mit Schmerzmitteln unter medizinischer Aufsicht und für eine begrenzte Zeit angebracht. Aber bei Muskelschmerzen, wie sie angesichts der hohen Belastung gang und gäbe sind, sieht das anders aus. Solche Beschwerden kann man auch konservativ ohne Medikamente beispielsweise durch bestimmte physiotherapeutische oder osteopathische Techniken lindern. Aber häufig hat der Spieler ganz einfach keine Lust, sich einer zweistündigen Behandlung beim Physiotherapeuten zu unterziehen, sondern schmeißt lieber schnell mal Diclofenac ein."

(...)

 

Toni Graf-Baumann sieht allerdings keine Leistungssteigerung in der Einnahme der Schmerzmittel und damit keine Dopingfunktion. Die ständige Aufrechterhaltung eines bestimmten Leistungsniveaus scheint ihm eine Selbstverständlichkeit. "Das entscheidende Doping-Kriterium ist die künstlich herbeigeführte Leistungssteigerung. Einem gesunden Sportler bringt aber die Einnahme von Voltaren nichts. Ist er müde oder hat er Schmerzen, kann die Leistungsfähigkeit durch die Einnahme von Schmerzmitteln wieder erhöht werden. Die Medikamente helfen, das normale Leistungsniveau zu erreichen, aber sie erhöhen das Niveau nicht. Das ist der Unterschied zu klassischen Doping-Mitteln."


(...) weiter auf der o.g. Internetseite ...
Aktualisiert ( Mittwoch, 10. März 2010 um 18:54 Uhr )